I n h a l t

D a s   P a n t z e r f e l d   e i n s t   u n d   j e t z t

Auch Ferdinand von Saar hat das (Pantzer-) Feld in seinen Wiener Elegien berücksichtigt.

In der Strophe IX. "Dich auch seh' ich jetzt wieder, du liebes, du freundliches Döbling, ..." beschreibt er wehmütig die Veränderungen in Döbling die durch die Verbauung im Zuge der Eingemeindung stattgefunden haben.

Davor war noch "das Feld, das ausgedehnte"

mit "Cyanen und Mohn wallende Aehren geschmückt".


 
Ferdinand Ludwig Adam von Saar

Wiener Elegien

I.

Also seh' ich dich wieder, du schimmernde Stadt an der Donau,
    Die ich seit Jahren bereits nur mehr im Fluge gestreift!
Traut umfing mich ein ländliches Heim, es heischte die Muse
    Ernsteste Sammlung - und so hielt ich mich selber verbannt.
Jetzt, am Abend des Lebens, nach fast vollendetem Tagwerk,
    Treibt Erinn'rung mich, treibt mich die Sehnsucht zurück.
Freilich bist du nicht mehr, die du warst! Es gingen die Zeiten
    Mit veränderndem Lauf über dein Weichbild dahin.
Altes, Gewohntes versank, daran mir die Seele gehangen,
    Und ein Fremdling längst bin ich dem neuen Geschlecht.
Aber es weht noch die Luft herüber vom Kahlengebirge,
    Die ich geathmet als Kind, die mich zum Manne gereift;
Noch zu gewahren dem Aug' sind Reste entschwundener Tage,
    Still wehmüthig erfreu'n sie des Elegikers Herz.
Und so sei mir gegrüßt! Für immer nun bleib' ich der Deine,
    Ob du auch nie mich vermißt, hältst du mich liebend doch fest.
Singen will ich ein Lied dir noch als treu'ster der Söhne-
    Und wo die Wiege mir stand, find' ich zuletzt auch ein Grab!

II.

Ja, ich sehe dich jetzt, wie du im Schmucke des Frühlings
    Weithin leuchtend dich dehnst, herrlicher Schönheit bewußt.
Einzig bist du fürwahr! Wer zählt die ragenden Bauten,
    Die sich schließen zum Ring, edel und prächtig zugleich?
Hier, ein steinern Juwel, der jüngste der Dome; zum Himmel
    Strebt des Doppelgethürms zierliches Stabwerk hinan;
Dort, breitfrontig, mit ernsten Arkaden das mächtige Rathhaus-
    Und, quadrigengekrönt, attisches Marmorgebälk.
Hochweg träumen im Aether die Kuppeln der beiden Museen,
    Mit italischem Reiz muthen das Auge sie an.
Und so setzt es sich fort in der Runde, nur lieblich durchbrochen
    Von zartfunkelndem Grün offenen Gartengehegs.
Wahrlich, ein Bild, entzückend zu schau'n für jeden Betrachter,
    Welchem Land er entstammt, freudig bewundert er hier;
Gerne vergißt der Hesperier selbst die klassische Heimat-
    Und an der wärmeren Pracht bricht sich der nordische Stolz.

III.

Dennoch, wie sehr und wie oft dich mein Auge bewundert, du sprichst mir
    Nicht mehr zum Herzen wie einst, weithin gebreitete Stadt;
Nicht mehr wie einst, da wallumgürtet du noch mit den alten
    Schwärzlichen Häusern geragt über das grüne Glacis:
Eng und gedrückt, voll gewundener Gassen und düsterer Winkel-
    Aber es wogte in dir fröhlich ein fröhliches Volk.
Leicht gesinnt und bewegt, abhold den Mühen des Daseins,
    Lebt' es harmlos dahin, wie ein empfängliches Kind.
Heute bewegt es sich ernster und weniger laut durch die Straßen,
    Wo sich die Menge nicht staut, sondern zerstreut und verliert.
Sorgen haben gefurcht die Stirnen der Männer, es blicken
    Schärfer, gewitzter als sonst kühl mich die Jünglinge an;
Geistiger Ziele Bewußtsein, der Stolz befreiender Arbeit
    Weh'n, gleich fröstelndem Hauch, selbst um die Reize der Frau'n.
Reicher, beschwingter sind Handel und Wandel, doch fehlt das Behagen,
    Das am Erworbenen sich festen Besitzes erfreut.
Prunkende Häuser und Plätze gewahr' ich in stummer Verödung-
    Und kein Jubel erschallt mehr aus der menschlichen Brust ...
Ja, du hast dich verändert, ich fühl' es. Bist du auch schöner,
    Bist du auch größer, als einst - bist du doch nicht mehr mein Wien!

IV.

Ihr nur, schattige Gassen und hell beschienene Plätze
    Tief im Inn'ren der Stadt - ihr seid allein mir noch Wien!
O wie hebt sich die Brust, nun ich euch wieder betrete,
    Und bei jeglichem Schritt Liebes, Bekanntes mich grüßt!
Ja, hier pulst noch das Leben! An alten Palästen und Häusern-
    An Sankt Stephan vorbei fluthet und wogt es wie einst.
Treibend im bunten Gewühl verschärfen sich alle Contraste,
    Und der Einzelne wird hier erst zur vollen Gestalt.
Typen treten hervor, es waltet die Seele des Volkes,
    Die im Wechsel der Zeit dennoch unsterblich sich weist;
Waltet im Drang nach Genuß, in gern verweilender Schaulust,
    Welche die Läden umdrängt, während die Stunde entflieht.
Lieblich entfaltet die Wienerin noch den gepriesenen Zauber,
    Ob im schleppenden Kleid, ob im geschürzten sie geht;
Mit begehrendem Blick verfolgt sie das männliche Auge,
    Und der geflügelte Gott flattert wie früher umher.-
Freilich vollzieht sich auch hier stets rascher ein Wandel der Dinge,
    Fast mit jeglichem Jahr schwindet ein Reiz aus dem Bild;
Aber noch immer behauptet sich Altes inmitten des Neuen,
    Und Vergangenheit träumt still in die Zukunft hinein.

V.

Muthet auch alles mich an im alten Bezirke der Städter,
    Auf der "Freiung" am "Hof" fühl' ich ergriffen mein Herz.
Dort spricht jeglicher Stein zu mir und weckt die Erinnerung-
    Längst vergangene Zeit drängt sich lebendig heran.
Sieh': da ragt sie ja noch, die schlichte breitgieb'lige Kirche,
    Ragt der Schottenabtei menschendurchwandelter Bau.
Zweimal des Tages empfing er auch mich; die Bücher der Schule
    Unter dem schützenden Arm, eilt' ich zur Klasse hinauf,
Wo, in die Reihen der Bänke gepfercht, sich ein lärmendes Völklein
    Neckte und balgte und stieß, bis der Professor erschien.
Auf dem Haupt die Tonsur, umwallt von dunkler Soutane,
    Zum Katheder empor schritt er mit ernstem Gesich.
Und nun ging es, o Qual! an lateinische, griechische Pensa,
    Bebenden Fingers gezählt ward des Hexameters Maß.
Marternde Sorgen des Schülers, die Angst vor der schlechteren Note-
    Jetzt noch fühl' ich sie nach, schreit' ich hier sinnend vorbei!
Aber die selige Lust auch, wenn endlich die schallende Glocke,
    Froh verkündend den Schluß, uns aus den Bänken entließ.
Hei, wie drängten wir fort! Erst still, in geschlossenen Reihen-
    Doch sie lösten gar bald jubelnd in Schwärme sich auf.
Lockte nicht dort auf bevölkertem Markt bei zarten Gemüsen,
    Duftenden Blumen das Obst, feilschend wie heute umdrängt?
Schon der Anblick entzückte des reichen, des köstlichen Segens,
    Wie er dem laufenden Jahr lieblich im Wechsel entsproß.
Ach, im Frühling die ersten, die röthlichen Kirschen - im Sommer
    Aprikosen wie Gold neben der Pfirsiche Sammt;
Beeren in Hülle und Fülle - und saftige Birnen und Pflaumen,
    Bis sich die Mispel im Herbst leuchtenden Trauben gesellt.
Und die Aepfel sodann! In allen Formen und Größen-
    In der verschiedensten Pracht waren sie ringsum zu schau'n;
Berge von Nüssen nicht minder - und trockene Feigen und Datteln,
    Wie sie Sankt Nikolaus artigen Kindern beschert.
O du herrlicher Winter mit lustigem Flockengewirbel!
    Und, o Weihnacht, du, schönstes, beglückendstes Fest!
Ha! Da standen sie schon, geräumig, die hölzernen Buden,
    Wo die Schätze sich all' wiesen in flitterndem Glanz.
Harzige Bäume und Bäumchen mit farbigen Ketten behangen,
    Kerzchen, niedlich und bunt, würziges Zuckergebäck;
Spielzeug jeglicher Art, Hutschpferde und knallende Peitschen,
    Schachteln mit bleiernem Krieg, Trommel und Seitengewehr:
Tand, der die Kleinen entzückt, und doch mit begehrlichem Auge
    Noch von den Größ'ren gestreift ward bei der hastigen Schau.
Freilich, sie schreckte der "Krampus" nicht mehr, der mit drohender Ruthe,
    Fröhlich begafft und belacht, dunkel im Schimmernden stand.
Aber mit Andacht erfüllten uns Alle die lieblichen Ställchen,
    Wo in der Krippe das Kind lag, von Maria bewacht;
Es'lein und Oechslein dabei, die Könige und auch die Hirten-
    Und aus Rauschgold ein Stern flimmerte über dem Bild.
Heilige Schauer der Kindheit! Unschuldige Wünsche des Knaben,
    Welche die Mutter ihm stets freudigen Herzens gewährt!
Selige Zeit, wo bist du? - Ist sie denn wirklich entschwunden?
    Nein: wenn frostig der Platz mit dem sich neigenden Jahr;
Wenn der Kastanien Gedüft entsteigt den röstenden Pfannen,
    Und die Hök'rin umhüllt sorglicher Busen und Haupt:
Stehen die Buden auch da, und durch die Nebel des Abends
    Schimmert das harzige Grün, leuchtet der heilige Christ.
Immer noch giebt es verlangende Kinder und liebende Mütter-
    Und im Kreislauf erhält ewig das Leben sich jung!

VI.

Aber so klein du auch warst, so eng umschlossen, mein altes
    Trauliches Wien: es ging Großes aus dir doch hervor!
Alles, was heute verklärt aufragt in Erz und in Marmor,
    Redend als Denkmal zum Volk, lebte und wirkte in dir.
Bargen die schützenden Wälle, die alten, schlichten Paläste
    Denn nicht Oesterreichs Ruhm? Oesterreichs Liebe und Stolz?
Fuhr Maria Theresia nicht mit Lust durch die Straßen,
    Die ihr erleuchteter Sohn oft als ein Bürger besucht?
Waren nicht heimisch in ihnen die Sieger von Zentha und Aspern,
    Denen als dritter zuletzt der von Novara gefolgt?
Wie? Und schufen in ärmlichsten Häusern nicht Haydn und Mozart?
    Nicht Beethoven und schritt mächtigen Hauptes einher?
Klangen im engeren Weichbild zuerst nicht die Lieder von Schubert,
    Dessen behäbiger Sinn nie sich in's Weite verlangt?
Und Grillparzer? Empfing er die Weihe der tragischen Muse
    Nicht im Bann der Bastei, die er stets einsam betrat?
Blickte mit schalkischem Aug' nicht Bauernfeld auf die Phäaken,
    Während in Raimund's Gemüth still der "Verschwender" entstand,
Lenau's melodische Schwermuth die Herzen ergriff und entzückte-
    Und Grün's Lerchengesang schmetterte über der Stadt?!
Scheltet mir nimmer Altwien, Ihr Neuern, und lasset euch sagen:
    War es ein Capua auch, war es doch keines des Geists.

VII.

Andere mögen dich jetzt im steigenden Sommer verlassen,
    Ich doch bleibe dir treu, strahlendurchfunkelte Stadt.
Nicht verlangt es mich mehr nach himmelan ragenden Gletschern,
    Nicht nach des nordischen Meers wogenumbraustem Gestad.
Gern verträum' ich die Tage im Dunstkreis der stilleren Straßen,
    Quälen auch Hitze und Staub, giebt's doch Oasen genug.
Wohlig schlürft sich am Morgen der Kaffee im Runde des Stadtparks,
    Liebliches Blumenarom mengt der Cigarre sich bei.
Brennt die Sonne dann heißer, so find' ich schattige Gärten,
    Wo ein erquickliches Buch still und gesammelt man liest.
Ja, dann nimmst du mich auf, Erschloss'ner vom "Schätzer der Menschheit",
    In deiner breiten Alleen wipfelumdunkelte Ruh;
Oder auch du, Belvedere, mit zierlich gehegten Terrassen,
    Still ins Weite hinaus schweift dort der sinnende Blick.
Traulich empfängt mich Schönbrunn, es winkt mir der gastliche Prater,
    Wo dem dürstenden Mann froh sich der Abend beschließt.
Sehn' ich mich dennoch nach kühleren Schatten, nach frischeren Lüften,
    Führen auch Schienen und Dampf rasch mich in's Volle hinein;
Rasch in ein grünes Bereich der herrlichsten Eichen und Buchen-
    Tief in des Wienerwalds quellendurchrieselte Pracht.
Mögen doch Andere jetzt dich pilgernd verlassen - ich bleibe:
    Liegt das Gute so nah', wünsch' ich mir Besseres nicht!

VIII.

Oft auch, wenn mit röthlichem Schimmer der Abend hereinbricht
    Und aufathmet die Stadt, wandl' ich betrachtend umher;
Wandle nach rechts hin, oder nach links hin durch jene Bezirke,
    Die sich im Laufe der Zeit, wachsend zum Ganzen vereint.
Sieh, da sind sie ja noch, die Vorstadtstraßen, die alten,
    Die jetzt mit schwellender Fracht klingelnd die Trambahn befährt.
Freilich prunken auch sie schon mit neuem und neuestem Wesen,
    Aber ich spüre den Hauch früherer Tage darin.
Frohsinn herrscht hier noch, es waltet der Segen der Arbeit,
    Die den Genuß nicht verwehrt, weil man sie reichlich belohnt.
Satte Gesichter ringsum, beleibte Männer und Frauen,
    Rosige Mädchen und hold blühendes Kindergeschlecht.
Doch je weiter ich schreite, je mehr verwirrt sich der Anblick;
    Menschen in steigender Zahl, aber auch wüster das Bild.
Wimmelnd bevölkert sind Gassen und Häuser, aus zahllosen Fenstern
    Blicken die Sorgen und Müh'n ärmlichen Lebens hervor.
Hier, in billigster Miethe, wohnt eng der kleine Beamte,
    Haust bescheidene Kunst, emsig bei Tag und bei Nacht;
Hier erwirbt auch die Frau, es erwirbt die älteste Tochter,
    Ob sie die Feder bereits, oder die Nadel noch führt.
Kleine Fabriken gewahrt man, das kleine und kleinste Gewerbe,
    Das verdrossen und stumpf lebt von der Hand in den Mund.
Aber der Krämer gedeiht, es gedeiht der schmunzelnde Gastwirth,
    Dem das Gartenlokal immer des Abends gefüllt.-
Doch schon weist sich die Noth im härtesten Kampf um ein Dasein,
    Das, des Athmens nicht werth, dennoch Befriedigung heischt.
Sieh nur die Häuser! Neubauten mit rissigen, bröckelnden Simsen;
    In noch feuchtem Gelaß richtet das Elend sich ein.
Nieder schlägt sich der Rauch aus ragenden Schloten der Arbeit,
    Welche Maschinen zunächst, aber auch Hände verlangt.
Düster färbt sie den Himmel, die Mauern, die Menschen und treibt sie
    Zu ingrimmigem Haß, weil sie verzehrt, nicht ernährt.
Blick' in die Buden und Schenken! Bestäubte, verdorbene Waaren,
    Die der Hunger verschlingt, wenn er zu zahlen vermag;
Koste die Jauche des Bier's in trüben und schartigen Gläsern,
    Prüfe den schillernden Wein, der nie die Kelter geseh'n!
Kann es verwundern, wenn endlich das Gift betäubenden Fusels
    Alkoholisch den Geist und die Gemüther entflammt?
Schaudernd empfind' ich es jetzt: in stolzen Palästen nicht - hier nur
    Webt sich dein Schicksal, o Wien - webt sich das Schicksal der Welt!

IX.

Dich auch seh' ich jetzt wieder, du liebes, du freundliches Döbling,
    Das ich vor Jahren begrüßt als ein erwünschtes Asyl.
Damals warst du ein Dorf mit stillen, sonnigen Gassen,
    Wo sich der Wiener Quirit wohlige Häuser gebaut:
Schmucklos, aber bequem, mit fest gegründeten Mauern,
    Lauschigen Gärten, die sich traut in einander verzweigt.
Heute gehörst du zur Stadt und hast dich darnach auch verändert;
    Kaum zu erkennen mehr bist du dem nahenden Blick.
Wo ist die Reihe der Linden, die einst vom Linienwalle,
    Kühlend und duftend zugleich, mich dir entgegen geführt?
Wo, zur Rechten, das Feld, das ausgedehnte, umplankte,
    D'rin Cyanen und Mohn wallende Aehren geschmückt?
Ach, verschwunden der Reiz des ländlichen Anblicks! Es ragen
    Nüchtern, einförmig und hoch neue Gebäude empor.
Baugrund wurde der Acker, und das Geleise des Tramway
    Fällte die säuselnde Pracht schattiger Wipfel schon längst.
Aber getröste dich, Herz! Noch weiß ich Gassen zu finden,
    Die sich auch heute gewiß, was dich erfreute, bewahrt.
Sieh: da stehen ja schon und grüßen bekanntere Häuser-
    Manches darunter, das jetzt holdes Erinnern mir weckt.
Freilich haben dazwischen gedrängt sich putzige Villen,
    Thürmchen- und erkerbespickt, wie's die "Moderne" verlangt.
Hier auch die jüngste der Straßen, geführt durch verwüstete Gärten-
    Und, o Himmel, dort spreizt, riesig, sich gar ein Palast!
Aber er stört mich nicht mehr; denn schon gewahr' ich der Kirche
    Taubenumflattertes Dach - sehe ein reinliches Haus:
Schimmernd getüncht, mit zwei Stockwerken, die Reihen der Fenster
    Jalousienverhüllt gegen den sengenden Strahl.
Ja, ich kenn' es genau. Dort oben in einsamer Stube,
    Dürftigem Hausrath gesellt, träumte und sann der Poet;
Sann und blickte dabei auf ein Meer von grünenden Wipfeln
    Und auf die Thürme der Stadt, die in der Ferne verschwamm.
Selige Qualen des Schaffens und selige Qualen der Liebe,
    Bitterste Tage der Noth - ach, wie erlebt' ich sie hier!
Manches hab' ich erreicht, darnach ich damals gerungen,
    Und ich breche mein Brot nicht mehr in Thränen wie einst.
Aber verblüht ist der Lenz, verglüht das Feuer des Sommers-
    Und das fahlere Laub raschelt im herbstlichen Hauch.

X.

Ja, schon schwillt und reift am Rebengelände der Donau
    Saftig die Traube und blinkt unter den Blattern hervor.
Bald auch naht sich der Winzer und hält ergiebige Lese,
    Die im Korb und im Faß Säckel und Keller ihm füllt.
Und nun zieht es hinaus in Schaaren nach Grinzing und Nußdorf,
    Oder nach Sievering, wo delphisch das "Brünndl" entspringt.
Lauter, lebendiger wird's in den bunt sich färbenden Wäldern:
    Fröhliche Stimmen, Gesang - schweifende Menschen ringsum.
Hier gelagerte Gruppen - und dort im schützenden Dickicht
    Liebende Paare, die sich seliger Einsamkeit freu'n.
Aber sie Alle gewahrt man zuletzt in Gärten und Stuben,
    Wo, am Eingang gesteckt, lockend der "Buschen" ergrünt.
Sieh', da sitzen gedrängt sie an roh gezimmerten Tischen
    Bunt durcheinander: der Greis lockigem Jüngling gesellt;
Mütter den Töchtern, und Väter den Knaben, die müd' sich gelaufen-
    Selbst der Säugling liegt dort an der nährenden Brust.
Fröhlich kredenzt, hemdärmlig, der "Hauer" den labenden Tropfen,
    Der als "Heuriger" licht blinkt im gehenkelten Glas.
O wie mundet der jetzt zu salzigem Käse und Rauchfleisch,
    Bei der "Bretzen" Geknack, die man an Stäben verkauft!
Und man hört auch Musik: Harmonika, "Klampfe" und Geige-
    Rasender Töne Gemisch schrillt in den Abend hinaus.
Lieder erschallen, urwüchsig und derb, mit verfänglichen Texten,
    Wie sie, satirischen Hangs, drastisch der Wiener ersinnt;
Wasserverschmähende Oden manch eines volksthümlichen Pindar,
    Welcher den Pegasus nicht, aber den Kutschbock besteigt.
Ja, hier lebt noch das Volk! Hier schmausen die letzten Phäaken,
    Denen hohläugige Noth noch den "Hamur" nicht verdarb.
Wahrlich, ihr geht nicht unter, ihr Wiener! Dreht sich auch nicht mehr
    An dem Spieße das Huhn - brätelt noch immer die Wurst.

XI.

Nun umwallen die Stadt schon dicht sich senkende Nebel,
    Und aus dem düsteren Grau rieselt der Regen herab.
Kothig die Straßen und triefend die Dächer; verdrossen und fröstelnd,
    Unter dem schützenden Schirm, hasten die Menschen dahin.
Aber die Blumen, die draußen verwelkt auf unwirthlichen Fluren,
    Hier jetzt blühen sie auf, zahllos zu Kränzen gereiht.
Wehmuth duftet und haucht ringsum aus Zierden für Gräber;
    Spenden der Liebe empfängt, was schon vermodert zu Staub.
Ich auch pilg're hinaus auf den einsam gelegenen Friedhof,
    Der seit langem bereits Särgen sich nicht mehr erschließt.
Theuerstes ruht mir dort! Doch nicht bei vertrautesten Gräbern
    Blos, in Trauer versenkt, weil' ich, gefeuchtet das Aug':
Nein, an Cypressen vorbei, durchwandl' ich die Reihen der Hügel,
    Welche gedenkende Pflicht immer noch blühend erhält;
Lese die Kunde des Tods auf ragenden Steinen und Kreuzen-
    Weiter und weiter zurück leitet verwitternde Schrift;
Leitet zurück in's verfloss'ne Jahrhundert - zu brüchigen Mälern
    Solcher, die man hier einst stolz längs der Mauer begrub.
Würdigste Männer und Frau'n. Und doch, wer nennt sie noch heute?
    Wer gedenkt noch der Zeit, da sie gelebt und gewirkt?
Bis auf die Namen vergessen fast alle die ält'ren Geschlechter-
    Hin und wieder nur liegt schweigend ein Kranz auf der Gruft.
Aber dem Enkel geziemt's, daß er die weihende Thräne
    Mit andächtigem Sinn diesen Entschlafenen zollt.

XII.

Sieh, schon wirbeln die Flocken um ragende Dächer; es sausen
    Eisige Winde mit Macht durch die rings offene Stadt.
Ja, der Winter ist da! Mit ihm erschienen die Freuden,
    Welche der Städter schon längst sommerverdrossen ersehnt.
Alle Theater gefüllt, Applaus erschüttert den Tonsaal-
    Und so bewegt sich auch Wien wieder im alten Geleis.
Amt und Geschäft durchkreuzen die Straßen, auf glitschigem Pflaster
    Humpelt der Omnibus, rast der Fiaker dahin;
Equipagen dazwischen, von stolzen Trabern gezogen,
    Halten vor jedem Palast, wo man Besuche empfängt;
Stattliche Leute zu Fuß vereint der gewohnte Spaziergang,
    Wohlig in Pelze gehüllt, schreiten sie über den Ring.
Aber vergnüglicher noch hineilen die Schönen zum Eisplatz,
    Wo der geschmeidige Wuchs sich am geschmeidigsten zeigt.
Knapp umschließt ihn die wärmende Jacke; auf braunen und blonden
    Häuptern sitzen kokett Mützen mit Zobel verbrämt.
Hui, wie fliegt sich's dahin auf leicht einritzendem Schlittschuh,
    Den mit bebender Hand kniend der Jüngling geschnallt!
Sieh nur den zierlichen Reigen! Es trennen und flieh'n sich die Paare,
    Aber in reizendem Bug kehren sie wieder zurück.
Liebliches Meiden und Finden - gemeinsam wonniges Kreisen,
    Bis die Dämmerung webt um das lebendige Bild.
Aber da zuckt auch empor das elektrische Licht und umschimmert
    Magisch den spiegelnden Plan und die Gestalten darauf.
Ach, wer entfernte sich jetzt? Erstarren die Finger im Müffchen,
    Spürt auch das Näschen den Frost - lodert in Flammen das Herz.

XIII.

Aber schon naht sich auch jetzt, verlangender Wiener, dein Fasching,
    Den der gebildete Sinn höheren Zwecken vereint.
Bälle, Redouten zum Wohle der Menschheit. Erhabensten Glanzes,
    Hell von Orchestern durchtönt, schließen die Säle sich auf.
Humanität wird getanzt. Was gilt es nicht Alles zu fördern!
    Küchen, Spitäler verlangt, wärmende Stuben das Volk.
Lächelnd erscheinen besternte Minister; Zierden des Reichsraths,
    Knospende Reden im Haupt, stehen an Pfeiler gelehnt.
Patronessen empfangen und ziehen zu kurzen Gesprächen
    Koryphäen der Kunst, Leuchten des Wissens heran.
Aber es klingt die Musik! Es flattern beschwingt die Gewänder,
    Leuchten und schimmern wie Schnee Schultern und Busen ringsum.
Lieblich berauschende Klänge, wie reißt ihr hinein in den Wirbel!
    Blühende Leiber, wie reizt ihr, zu umschlingen, den Arm!
Alternde Füße sogar, sie fühlen sich jählings beflügelt,
    Alternde Herzen, wie mein's, werden in Taumel versetzt.
Und so dreht sich auch hier, wie draußen beim ehrlichen "Schwender",
    Schließlich und endlich die Welt nur um die Walzer von Strauß.

XIV.

Dort, wo der Stille bedürftig, in abseits gelegener Gasse
    Fand der Dichter sein Heim, hebt sich ein gothischer Bau.
Lange steht er noch nicht; ihn schuf das letzte Jahrzehend,
    Und zur Schule geweiht haben ihn Väter der Stadt.
Eifrige Knaben und Mädchen besuchen die stattlichen Räume,
    Wo sich Licht und Luft hell und gedeihlich vertheilt.
Dort erlernen sie Alles, was noth zu wissen dem Menschen,
    Denn bequemlich, wie einst, ebnet sich nicht mehr der Pfad.
Lesen und schreiben zu können, genügte; mit Fibel und Bibel
    Und dem Einmaleins reichte vor Zeiten man aus.
Heute ist jegliches Kind bereits ein Gelehrter; wie oft schon
    Hat mich ergrauenden Mann Weisheit des Schülers beschämt.
Aber betrachtend verweil' ich mich gern, wenn das knirpsige Völklein,
    Bunt durcheinander gemischt, wimmelnd den Thüren entströmt.
Welche Fülle des Lebens in all den verschied'nen Gestalten,
    Theils wie von Rubens, van Dyk - theils wie von Cranach gemalt!
Früh verräth sich in Gang und Geberde das innerste Wesen,
    Und dem erkennenden Blick zeigt sich das Werdende schon.
Schmächtiger Knabe, erhobenen Haupts hinwandelnd im Schwarme,
    In dir reift mir gewiß bald ein College heran.
Dichtest du etwa schon jetzt an einem veristischen Drama,
    Das in der Klinik beginnt und am Seciertisch verläuft?
Und du, niedliche Kleine, mit großen, beweglichen Augen,
    Ahnst du Novellen bereits, üpp'ger als die des Boccaz?
Freieste Liebe versprichst du, indessen breitspurig die Freundin
    An der Seite dir stapft, reizlos verschnittenen Haars.
Diese, ich seh's, wälzt unter der wuchtigen Stirn schon die Frage,
    Wie man das Männergeschlecht gänzlich vom Erdball verdrängt.
Ja, hier bereitet sich vor in allen Phasen die Zukunft,
    Achtlos trippeln an mir ihre Vertreter vorbei:
Wahrer des ewigen Friedens, Begründer der gleichesten Gleichheit,
    Weltbefreier vom Gift schnöden Mikrobengezüchts;
Maler der vierten Dimension - und Entdecker der fünften,
    Die mit Gespenstern bereits speisen vertraulich zu Nacht.
Aber gedeiht nur und blüht, ihr kleinen Erneu'rer der Menschheit-
    Wachsen die Bäume doch nicht gleich in den Himmel hinein!

XV.

Wieder leuchten die Kuppeln, beschienen von wärmerem Strahle,
    Und in mildestem Blau breitet der Himmel sich aus.
Sonnige Lüfte umkosen das Antlitz der wandelnden Menschen,
    Frühlingshütchen zur Schau tragen die Schönen bereits.
Duftende Veilchen verkauft man und zarte, goldige Primeln,
    Mit verlangendem Griff strecken die Hände sich aus.
Woche vor Ostern, du stillste des Jahres, wie bist du belebt doch!
    Kirchen- und Gräberbesuch füllen die Straßen der Stadt.
Fernher drängt sich die Schaulust zum Auferstehungsgepränge:
    Fahnen, Posaunen, Gesang, funkelnder Priesterornat.-
Ich doch wandle hinaus in's Freie und suche die Pfade,
    Die zum Kahlengebirg führen allmälig hinan.
Weiter und weiter erschließt sich im Kreise die liebliche Landschaft;
    Dort schon schimmert der Strom, schimmern die knospenden Au'n.
Tiefes Schweigen ringsum; nur von noch scholligen Feldern
    Schwingt sich mit Jubelgesang einsam die Lerche empor.
Blühende Bäume umfrieden vereinzelte stille Gehöfte,
    Und in bräutlichem Schmuck stehen die Büsche am Rain.
Endlich ist sie erreicht die Fernen eröffnende Stelle,
    Wo ich als Knabe bereits schwelgenden Auges geweilt.
Dort eine Bank auch - vielleicht noch dieselbe! Nun ruh' ich im Anblick.
    Hehr aufschauert in mir wonniges Heimatgefühl.
Ja, da bin ich im Herzen der alten, der herrlichen Ostmark,
    Deren Banner einst stolz flatterte über dem Reich-
Ueber dem Reich, von dem sie getrennt nun, beinahe ein Fremdling:
    Oestreichs Söhne, man zählt kaum zu den Deutschen sie mehr.
Aber nicht deshalb neig' ich die Stirn jetzt in bangender Trauer,
    Weil du, mein Vaterland, ganz auf dich selber gestellt.
Proben kannst du die eigenste Kraft, die Kraft des Gerechten-
    Und es sinkt und es steigt ewig die Woge der Zeit.
Aber o Schmerz! Du bist auch getrennt von den eigenen Gliedern,
    In Verblendung, mit Haß wüthen sie gegen das Haupt.
Doch du bist noch, o Wien! Noch ragt zum Himmel dein Thurm auf,
    Uralt mächtiges Lied rauscht ihm die Donau hinan.
Und so wirst du besteh'n, was auch die Zukunft dir bringe-
    Dir und der heimischen Flur, die dich umgrünt und umblüht.
Sieh, es dämmert der Abend, doch morgen flammt wieder das Frühroth-
    Und bei fernem Geläut' segnet dich jetzt dein Poet.

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August 2017

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